Letztes Feedback

Meta





 

Lost

„Das ist ganz schön untypisch, für eine Bulimikerin. Dass du nie auf öffentlichen Toiletten erbrichst ist ungewöhnlich. Ich bin schon lange Psychotherapeut und das habe ich bisher zum ersten Mal gehört. Du kotzt also tatsächlich nur zu Hause?“ Ich überlegte kurz. Auf einem öffentlichen Klo? Bah, als ob ich da mit dem Kopf drüberhängen will,… nein. „Ja, ich esse eben auch so, dass ich nur zu Hause kotzen muss, so weit habe ich mich schon unter Kontrolle.“ Er sah mich an, mit seinen schönen Augen, sein junges Gesicht, dazu die grauen Haare, er sah schon wirklich gut aus, so empfand wohl auch meine Mutter. Ich weiß nicht was es genau war, was ihn so attraktiv machte, aber sein Lächeln war so herzlich und er war so einfühlsam, so war nicht jeder Therapeut, am Beruf kann es also nicht liegen. Die grauen Haare passten nicht zu seinem Alter, ich fragte mich, was er wohl schon mitgemacht hat. „Und wenn du weißt, dass du bald nach Hause kommst isst du die Unmengen, weil du genau weißt, dass du danach kotzen kannst? Dann verlierst du die Kontrolle?“ Mit einem Gefühl ertappt worden zu sein nickte ich. Das ist jetzt ca 4 Jahre her. Inzwischen war ich bei anderen Therapeuten, ein mal in einer Klinik, für 2 Monate. Jetzt bin ich an dem Punkt an dem ich auch auf öffentlichen Toiletten erbreche. Wichtiger ist es für mich das Essen rauszubekommen, nicht, wo ich kotze. Traurig aber wahr. Am besten eignen sich IKEA und die Uni-Bibliothek. Da gibt es keine Klofrauen, die dasitzen und darauf warten, dass man ein Geldstück auf den kleinen weißen Teller legt. Da diese Frauen bestimmt seltsam schauen wenn ich nach einer halben Stunde erst und 6 kg leichter wieder rauslaufe. Aus diesem Grund schließen sich zum Beispiel Galeria Kaufhof, McDonalds, der Hauptbahnhof, sowie verschiedene andere Toiletten in Kaufhäusern aus. Als ich 15 Jahre alt war und noch in einer Kleinstadt bei meinen Eltern wohnte gab es an einem Mittag Erdbeeren mit Sahne. Ich weiß noch wie ich mit dem Fahrrad danach losgefahren bin, Richtung Wald. Als ich weit genug im Wald war, stellte ich das Fahrrad ab, lief ein paar Meter vom Weg weg und steckte mir den Finger in den Hals. Dann fuhr ich zurück, meine Kleine Radtour dauerte nur eine halbe Stunde, dass ich den großteil davon würgend im Wald stand, ahnten meine Eltern damals nicht. 7 Jahre später bin ich wenig weitergekommen und es macht mich traurig, verunsichert mich und enttäuscht mich. Der einzige Wunsch normal zu sein scheint langsam wie ein unrealistischer, unerreichbarer Traum. Ich bin in die WG gezogen und habe mich ganz bewusst dazu entschieden, dass die Rahmenbedingungen das Ausleben der Bulimie deutlich schwerer machen. Ich war fest davon überzeugt, dass ich dann nicht anders kann und besser, regelmäßiger und ausreichend esse, ohne Fressanfälle mit anschließendem Kotzen. Schwerer macht es mir dieses Umfeld schon, vom Kotzen hält es mich nur leider nicht ab. Und ich weiß immer noch nicht warum ich das ganze mache. Es ergibt einfach keinen Sinn. Ich bin es so satt, so satt nur hungrig und überfressen zu sein. Ich fühle mich verloren in meiner eigenen Welt, die vor kurzem so schien, als würde sie so viel besser werden.

11.4.14 11:38

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen